Freudenberg. Eine Wohnung, zwei Liebhaber und ein minutiöser Terminkalender: Mit der Boulevardkomödie „Ein Schlüssel für zwei" von John Chapman und Dave Freeman feierte das Flecker WinterTheater am Samstag im ausverkauften Sängerheim Liedertafel Premiere. Unter der Regie von Jens Benner gerät das sorgfältig geplante Doppelleben der Harriet zunehmend außer Kontrolle.
Harriet, gespielt von Silke Junge-Unbehauen, ist eine selbstbewusste, schlagfertige und ausgesprochen organisierte Frau, die gleichzeitig Beziehungen zu zwei Männern unterhält und ihre Treffen mit beinahe akribischer Präzision so koordiniert, dass keiner vom anderen erfährt. Sie genießt zunächst die Kontrolle über ihr raffiniertes Arrangement und begegnet jeder möglichen Gefahr mit einer passenden Ausrede. Als ihr Zeitplan ins Wanken gerät, verwandelt sich die souveräne Organisatorin jedoch in eine zunehmend nervöse Krisenmanagerin. Jede improvisierte Erklärung soll eine neue Panne verhindern – und verschärft das Chaos nur weiter. Junge-Unbehauen zeichnet Harriet mit präzisem komödiantischem Timing und macht zugleich sichtbar, wie hinter ihrer selbstbewussten Fassade der Druck wächst. Patrick Kruse spielt Gordon, Harriets schüchternen, gutmütigen Liebhaber und leidenschaftlichen Hobby-Hühnerzüchter. Gordon wirkt zunächst harmlos und leicht zu lenken, entwickelt in seiner unbeholfenen Beharrlichkeit jedoch eine eigene komische Präsenz. Seine zurückhaltende, etwas weltfremde Art bildet einen reizvollen Kontrast zu Stephan Bäumers Alec. Der von Bäumer verkörperte Hochseefischer tritt rau, direkt und selbstsicher auf, zeigt sich im häuslichen Alltag aber überraschend nachgiebig und verletzlich. Gerade dieses Spannungsfeld zwischen äußerer Härte und innerer Gutmütigkeit macht Alec zu einer markanten Figur.
Beide Männer stehen im Zentrum von Harriets Versteckspiel, ohne zu ahnen, wie nah sie einander und der Wahrheit kommen. Für zusätzlichen Wirbel sorgt Fenja Leiendecker als Anne. Sie gibt Harriets Freundin eine energische, gewitzte und zugleich eigennützige Note. Anne hilft nicht allein aus Freundschaft, sondern verfolgt einen eigenen Plan: Sie möchte selbst einen der beiden Männer für sich gewinnen. Fenja Leiendecker spielt sie als Frau, die jede Situation aufmerksam beobachtet, Chancen sofort erkennt und ihre Hilfsbereitschaft geschickt mit persönlichem Interesse verbindet. Volker Irle verkörpert Richard, Annes Ehemann, der völlig angetrunken mit Harriet anbändeln will und damit weitere Missverständnisse provoziert. Irle verleiht Richard eine Mischung aus aufdringlicher Selbstsicherheit, alkoholbedingter Enthemmung und komischer Ahnungslosigkeit.
Lilli Gieseler als Magda, Gordons Ehefrau, und Ingrid Bradu als Mildred, Alecs Frau, vervollständigen das Beziehungsgeflecht. Magda erscheint aufmerksam, bodenständig und keineswegs so leicht zu täuschen, wie Harriet hoffen könnte. Mildred bringt eine resolute, wachsame Präsenz in die Handlung und lässt erkennen, dass sie die Widersprüche in Alecs Erklärungen sehr genau registriert. Beide Figuren sind mehr als bloße Ehefrauen am Rand des Geschehens: Mit ihrem Auftreten gerät Harriets Doppelleben endgültig unter Druck. Aus einzelnen Ausflüchten wird ein dichtes Netz aus Verdächtigungen, Eifersucht und wechselnden Allianzen.
Die Komik entsteht vor allem aus dem präzise abgestimmten Zusammenspiel der sieben Figuren. Jede Rolle besitzt dabei ein eigenes Temperament, eine eigene Motivation und eine charakteristische Art, auf die zunehmenden Verwicklungen zu reagieren. Harriet versucht, alle Fäden in der Hand zu behalten, Gordon sucht nach Sicherheit, Alec behauptet seine raue Unabhängigkeit, Anne verfolgt ihre eigenen Interessen, Richard handelt impulsiv, während Magda und Mildred mit wachsender Aufmerksamkeit auf die Ungereimtheiten reagieren. Gegensätzliche Temperamente, konkurrierende Interessen und immer neue Begegnungen treiben die Handlung in schnellen Dialogen und pointierten Missverständnissen voran. Gerade weil jede Figur ihre eigene Logik und ihren eigenen Blick auf die Situation mitbringt, zerfällt Harriets sorgfältig geplantes System Schritt für Schritt.
Auch hinter der Bühne ist immer Unterstützung nötig. Kristina Benner arbeitete als Souffleuse, Daniel Weiher übernahm souverän Licht und Tontechnik. Zum Schluss nahm Jens Benner gemeinsam mit dem Ensemble den Applaus entgegen.
Weitere Aufführungen finden an den nächsten Wocheneenden im Februar und März statt. Alle sind bereits ausverkauft, vereinzelt können jedoch noch Karten an der Abendkasse erworben werden.